The Death of Graffiti

Ein lebendiger Teil von mir

Jenz Steiner

„Da sind deine Freunde wieder. Da drüben!“, sagte mein Vater zu mir und verzog dabei das Gesicht, als wir neulich mit dem Auto durchs Bötzowviertel, unsere alte Wohngegend in Berlin Prenzlauer Berg fuhren. „Ick seh‘ keen“, konterte ich, sah aber genau, wen oder was er meinte. Die ungelenken Bombings in Neongelb hinter der roten Ampel Ecke Danziger Straße waren schwer zu übersehen.

„Ick wees nicht, wen Du meinst.“ Ich wollte noch einen drauf setzen, um ihn noch mehr ins Leere laufen zu lassen.

Was soll ich denn da sagen? Das war doch nicht mein Werk und schon gar nicht das meiner Freunde. Was hab ich denn mit 38 Jahren mit den Schulhof-Taggern der Grundschule um die Ecke zu tun?

Die Hausdurchsuchungen, die bösen Briefe vom Polizeipräsidenten und der Jugendgerichtshilfe, und vor allem meine Gerichtstermine sitzen meinem Vater noch deutlich tiefer in den Knochen als mir. Er durfte mich schon 1990 bei der Transportpolizei im S-Bahnhof Friedrichstraße abholen, später dann beim Bundesgrenzschutz in Berlin Lichtenberg. Das alles war für Eltern nicht so toll.

Genauso wenig wie der kühle Morgen im Januar 1996. Ich lag noch im Bett, hörte aber die Meldung des Radionachrichtensprechers, dass zwischen den S-Bahnhöfen Schöneweide und Baumschulenweg zwei Graffiti-Sprüher aus Prenzlauer Berg in der Nacht von einem Zug erfasst wurden. Mein Vater kam sofort in mein Zimmer gerannt, um zu sehen, ob ich noch da bin. Ich war noch da. Nicht mehr da waren Spoa und Fräsk.

Im Gegensatz zu vielen meiner Freunde kannte ich sie nicht persönlich, nur ihre Tags. Wenige Wochen nach ihrem Tod tauchten selbst gemalte Aufkleber in meiner Gegend auf, auf denen stand: „Mein Freund ist tot, doch seine Bilder leben weiter“. Wenn ich Spoas damalige Freundin in den Monaten danach auf Parties sah, wich ich ihren traurigen Blicken aus und machte einen Bogen um sie, obwohl ich sie gar nicht weiter kannte. Das alles hat mich sehr mitgenommen und bewegt. Insofern kann ich die Sorgen und den Gram meines Vaters heute schon verstehen.

Dazu kommt, dass seine stolze Bauarbeiterseele Gebäude in der Stadt einfach anders wahrnimmt als ich. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen von Eigentum, besonders von Privateigentum. Graffiti ist in meiner Familie ein Tabuthema. Wir reden zu Hause nicht darüber. Wir nehmen nicht einmal das Wort in den Mund. Das macht das Leben leichter, sorgt für Harmonie und schmälert das Konfliktpotential. Andererseits bedeutet dies, dass wir in unseren Gesprächen einen großen und wichtigen Teil meines Lebens weiträumig umschiffen. Was mich ausmacht und im letzten Vierteljahrhundert maßgeblich geprägt hat, findet in meiner Familie nicht statt. Das ist für mich manchmal so, als säße da nur der halbe Jenz Steiner am Mittagstisch. Selbstzensur. Auf Dauer halte ich das für ungesund. Wenigstens bin ich nicht der Einzige, der das vermeintliche Laster als Last bis ins hohe Erwachsenenalter mit sich herum trägt. Einige malende Freunde und Bekannte sitzen im selben Boot. Graffiti polarisiert, macht aber auch tierisch Spaß.

Graffiti macht Spaß

In der Schule, in der ich jetzt arbeite, lasse ich die Kinder von Zeit zu Zeit ordentlich mit Farbe rumsauen. Die Farbe bezahle ich aus meinem eigenen Geldbeutel, aber das Vergnügen ist es mir wert. Das ist doch ein Stück Freiheit, gerade dann, wenn man als Kind oder Jugendlicher den halben Tag in diesen alten preußischen Gemäuern eingesperrt ist und funktionieren und Normen erfüllen muss, und es immer anderen Leuten recht machen soll. Farbe aufzutragen macht einfach Spaß, egal ob mit Händen, Pinseln oder Dosen. Das ist einer der großen Reize von Graffiti. Zum Herumspielen mit Farben kommt das Experimentieren mit Formen und Buchstaben, das Entwickeln einer eigenen Handschrift, eines eigenen Stils, der sogar kopiert wird, wenn man ihn etabliert und er gut genug ist.

Nicht nur das macht Spaß, sondern auch das Erkunden der Stadt, in der man lebt, das Entdecken von vergessenen Orten und geheimnisvollen Unorten, die nicht allen einfach so zugänglich sind. Eine regelrechte Sogwirkung auf mich hatten immer die Tunnel der S1, der Berliner Nord-Südbahn mit ihren ehemaligen Geisterbahnhöfen unter Ostberlin. Als ich die für mich entdeckt habe, war ich gerade mal 13. Der Schießbefehl im Grenzgebiet war erst seit fünf Monaten außer Kraft, als ich das erste Mal durch ein kleines Loch in der Wand in den menschenleeren Nordbahnhof geschlüpft bin. Dort war die Zeit am 13. August 1961 stehen geblieben. Das sind prägende und unvergessliche Erlebnisse. „Nein! Ich bereue nichts.“ Da schwirrt mir gleich dieser Chanson von Édith Piaf durch den Kopf. Das war wichtig für mich und meine Entwicklung. Das war meine Jugendweihe.

Es glich immer einer Zeitreise, wenn ich allein oder mit Gleichgesinnten durch diese Schlaflandschaften der Berliner S-Bahn zog. Alle paar Minuten huschten zwar 300 Menschen in Zügen an uns vorbei, doch konnten sie uns nicht sehen, nicht nachfühlen, was wir sahen.

Durch Graffiti haben wir die Stadt von allen Seiten entdeckt, wir haben ihren Takt gespürt und gelernt, wie sie tickt. Wir wurden Teil von ihr und konnten sie verändern. Wir haben einfach mehr gesehen als alle anderen, wenn wir beim S-Bahn-Fahren aus dem Fenster geschaut haben.

Wir hatten Zugang zu einem Paralleluniversum, das anderen Menschen verborgen blieb. Eine Zeile im Rap-Song „Danger“ von Blahzay Blahzay aus dem Jahr 1996 brachte das für mich immer sehr gut auf den Punkt. „When we roll it's like we got the key to the city. It won't be pretty“. An der Stelle habe ich die Kassette dann immer hin und her gespult, bis sie dann irgendwann gar nicht mehr ging. Der Refrain „When the East is in the house – Oh my God. Danger!“ war für uns Ost-Writer natürlich genauso wichtig und emanzipierend. Wir hatten hier nicht nur Spaß auf diesem schier endlosen Abenteuerspielplatz. Berlins Dornröschenschlaf war vorbei. Wir haben mit unseren Farbklecksen Orte sichtbar gemacht, die bis dahin niemand so wahrgenommen hat. Wir haben die Spinnweben weggefegt und ordentlich Leben in die Bude gebracht.

Graffiti lebt

Ob eine Stadt lebt, sehe ich auf den ersten Blick. Tags, Pieces, Aufkleber und Plakate sind ein Indikator für die Lebendigkeit einer Metropole. Kein Graffiti, keine Sub- und Soziokultur, keine interessanten Leute, die spannende Sachen machen.

Eine Bekannte von mir hat einen leichten Job. Sie arbeitet in einer Werbeagentur und verkauft Plätze für kommerzielle Außenwerbung. Ihre eigentliche Arbeit haben Andere schon für sie gemacht: Berlins Graffiti-Writer. Sie fährt nur noch mit dem Rad durch die Stadt und notiert sich die Orte, an denen Graffiti-Maler ihre Bilder gemalt haben. Schließlich wollen die, dass ihre Bilder gesehen werden, wenn auch eher von Gleichgesinnten, die dieselbe Sprache sprechen und die Codes verstehen. Dann kontaktiert sie die Immobilienbesitzer und mietet die Flächen für ihre kommerzielle Werbung an. Sie macht Deals mit denselben Leuten, die Graffiti-Writer für die gleiche Sache anzeigen und vor Gericht bringen. Das tun sie nicht, weil sie die Bilder nicht gut finden oder ihr Rechts- und Unrechtsbewusstsein gestört ist, sondern nur, weil sie selbst nichts daran verdienen.

Graffiti ist lebendig und zeigt, ob und wo eine Stadt lebendig ist. Genau das macht Graffiti für die Werbebranche attraktiv. Was Graffiti-Writer miteinander verbindet, ist ihr gut geschultes Auge für Orte, die von vielen Menschen wahrgenommen werden, für besondere Atmosphären, für visuelle Kommunikation.

Graffiti verbindet

Wenn ich alleine S-Bahn fahre, steige ich am liebsten in den ersten Wagen ein und stelle mich an die Tür. Wenn der Zug in den Bahnhof einfährt, rauscht er in voller Länge an mir vorbei. So kann ich sehen, ob er bemalt ist. Dann hänge ich im Zug an der Scheibe und gucke, was es Neues auf der Line gibt oder was noch aus alten Zeiten überlebt und inzwischen Museumscharakter hat. Ich kann Altvertrautes sehen und Neues entdecken. Das hat sich bis heute nicht geändert. Selbst nach 25 Jahren weiß ich, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht.

Wenn ich Leuten begegne, die in der Zeit ähnliche Wege beschritten haben, erinnert mich das manchmal an die Szene in „Ghost Dog“, als gegen Ende des Films RZA dem Auftragskiller Ghost Dog begegnet und beide diesen wissenden Blick im Gesicht haben, sich verstehen, ohne etwas sagen zu müssen und einfach weitergehen.

Graffiti lässt mich zu Hause fühlen

Als ich einmal nur mit Vorstadtzügen von Moskau über Riga und Vilnius nach Berlin gefahren bin, war es auf der letzten und anstrengendsten Etappe schon sehr ermutigend, dass ich in Warschau Zachodnia rings um den Bahnhof die Tags meiner Berliner Kumpels gesehen habe.

Als Graffiti-Writer kann man sich auch schnell überall auf der Welt zu Hause fühlen. Graffiti öffnet schließlich Türen. Man findet fast immer einen Schlafplatz bei Gleichgesinnten, trifft sich mit Leuten, die man nie vorher gesehen hat und findet gleich eine gemeinsame Sprache, so wie die Esperanto-Sprecher.

Graffiti ist okay

Manche finden Graffiti doof. Das kann ich verstehen. Andere finden es cool. Wieder andere fanden es mal toll, haben sich aber anderen Dingen zugewandt. Das ist auch okay. Niemand ist sauer. Manche verdienen Geld mit Graffiti. Inzwischen finde ich das auch okay, da ich weiß, dass Graffiti gegen alles mögliche resistent ist, gegen Kommerzialisierung, Strafverfolgung, Spießertum, was auch immer. Graffiti wandelt immer mal wieder sein Gesicht, ist Gegenkultur, Teil und Spiegel der Gesellschaft gleichermaßen. Für mich ist das okay. Graffiti bleibt Teil von mir, meiner Stadt und meinem Leben.

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